Tequila, Traumstrände und alte Tempel

In der Hochebene von Guanajuato in Zentralmexiko gehört der Agavenbrand zum Lebensstil. Der im Eichenfass gereifte Tequila erfüllt höchste Ansprüche. Wir waren für das ärztliche journal reise + medizin (Ausgabe 03/2017) in Mexiko auf der Suche nach Hochprozentigem

Lecken, schlucken, beißen – wenn ich an Mexiko denke, kommt mir als erstes Tequila in den Sinn. Hochprozentiges angerichtet mit Salz und Zitrone. Ein Teufelszeug. Der erste schmeckt, beim Zweiten schüttelt’s dich, beim Dritten weißt du, dass du heute noch ne lange Nacht vor dir hast – allerdings nicht im positiven Sinne. Als ich den ersten Fuß auf mexikanischen Boden setze, schwöre ich mir darum: traue keinem Mexikaner, der dir mehr als einen Tequila anbietet.

Und doch reizt es mich herauszufinden, ob mexikanischer Tequila nicht doch besser ist, als der Ruf, den er an deutschen Tresen genießt. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führt mich mein erster Stopp ins zentralmexikanische Guanajuato, einem der fünf Bundesstaaten, in dem Tequila produziert werden darf. Mit dem Auto geht es mitten durch die mexikanische Hochebene. Flaches Land, Palmen und Kakteen. Genau so hab ich’s mir vorgestellt. Fehlt nur noch ein mexikanischer Muchacho mit Sombrero, der am Straßenrand sitzt und seinen Schnäuzer zwirbelt. Es lebe das mexikanische Klischee.

Nach zwei Stunden Fahrt erreiche ich die Hacienda Corralejo. Angeblich wird hier einer der besten Tequilas weltweit produziert – das Zeug MUSS also besser sein, als der Schnaps, der mir schon so viele durchzechte Nächte beschert hat. Die Hacienda ist ein echter Prachtbau, stelle ich fest, als ich die lange von Bäumen und Palmen gesäumte Auffahrt hinauffahre. Zwischen Torbögen, Türmchen und verzierten Fliesen erwartet mich Don Leonardo Rodriguez, der heutige Besitzer des im 18. Jahrhundert erbauten Gutes. Zu meiner großen Enttäuschung trägt Leonardo weder Schnäuzer noch Sombrero – ebenso wenig wie sein Tequila. Auch von Salz und Zitrone will er nichts wissen. Er schüttelt nur mit dem Kopf. „Komm, ich zeige dir, woher der echte Tequila kommt“, sagt er und schickt mich postwendend zurück in mein Auto. „Wir fahren aufs Feld.“

Ein paar Minuten später stehe ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem mexikanischen Acker. Unter blauem Himmel wachsen hier die grün-bläulich schimmernden Agavenpflanzen in Reih und Glied. Vom Rand des Feldes beobachten wir die Arbeiter, die sogenannten Jimadores, eine Weile bei der Ernte. Mit einer Art scharfen Schaufel, der Coa, befreien sie die saftigen Agaven mit mehreren Stichen von ihren langen, spitzen Blättern. „Ein schweißtreibender aber hoch angesehener Job“, erklärt Leonardo. Tja, und woraus wird nun der Tequila gemacht? Aus dem Ananas-ähnlichen Innenteil oder aus den Blättern? „Natürlich aus dem Herzen der Pflanze, der Piña.“

Zurück auf der Hacienda zeigt Leonardo mir die Produktionshallen des Corralejos. In riesigen Hallen werden die Piñas im Steinofen gegart, bevor der wertvolle Saft extrahiert, vergoren, zweimal destilliert und schließlich in große Holzfässer gefüllt wird. In der Lagerhalle ist es dunkel, es riecht nach einer Mischung aus Hochprozentigem, Keller und altem Holz. „Im Schnitt dauert es acht bis elf Jahre, um unseren Tequila herzustellen“, erzählt Leonardo, während wir eine lange Reihe alter Fässer entlang spazieren. Das beinhaltet die Zeit vom Einpflanzen der Agave bis zur Ernte und die Dauer des Destillations- und Reifeprozesses im Eichenholzfass. Am Ende entsteht ein reiner Tequila, der zu 100 Prozent aus Agave besteht. „Das, was ihr als Tequila kennt, ist kein 100-prozentiger Agavenbrand“, erklärt Leonardo. „Er besteht nur zu 51 Prozent aus der Pflanze – das ist der Grund, weshalb ihr am nächsten Morgen mit üblen Kopfschmerzen aufwacht.“

Tja, und wie schmeckt er nun, der echte Tequila? Die Antwort ist: anders. Und zwar hervorragend. Mild, mit einer leicht fruchtigen Note. Leonardo schmunzelt. Diesen überraschten Gesichtsausdruck hat er schon millionenfach gesehen. Mit einem herzlichen „¡Salud!“ prostet er mir zu und schenkt gleich noch einmal nach – Mist, denke ich. Ich wollte doch keinem Mexikaner vertrauen, der mir mehr als einen Tequila einflöst. Ob das gut ausgeht?

Am nächsten Tag erwache ich tatsächlich ohne Kopfschmerzen. Mit zwei großen Flaschen Tequila im Gepäck mache ich mich auf nach Guanajuato, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates.
Als ich eintreffe, taucht die Sonne die bunten Häuser der Stadt in ein warmes, weiches Licht, ein Postkarten-Motiv par excellence.

Doch erst als die Sonne am Abend hinter den Bergen verschwindet, erwacht die 72.000-Einwohner-Stadt zum Leben. Auf den Treppen des Juarez Theaters treffen sich die jungen Leute, um den Abend unter freiem Himmel einzuläuten, Bars und Restaurants öffnen ihre Türen. Die Luft ist erfüllt von Lachen und Musik, an den Tischen werden Tortillas, Guacamole und Salsa gereicht. Angestoßen wird natürlich stilecht mit Vino Tinto, Margaritas und Tequila. Mexiko wie es leibt und lebt – oder?

Wer nach Mexiko reist, erwartet schließlich genau das: bunte Häuser, scharfes Essen, Tequila und in meinem Fall: zünftige Mexikaner mit Schnurrbart und Sombrero. Aber lässt sich das Land wirklich auf diese überzogenen Klischees beschränken? In Guanajuato könnte dieser Eindruck tatsächlich entstehen, denn die Stadt gleicht einer Filmkulisse. Die Straßen verwinkelt, die Häuser bunt gestrichen, dazu eine malerische Altstadt, in der man sich von Kunst- und Schmucklädchen, historischer Architektur, einer tollen Atmosphäre und hervorragendem Essen verzaubern lassen kann. Nur ein paar einzelne Geschäfte sind wirklich skurril, denke ich, als ich vor einem Schaufenster stehe. In diesem Laden kann man nicht nur Waschmaschinen kaufen, sondern auch Motorroller, Puppen und Wrestling-Masken. Interressantes Geschäftsmodell.

Wer Guanajuato von seiner kulinarischen Seite kennenlernen möchte, sollte das Restaurant „El Jardín de los Milagros“ ausprobieren. Ein romantischer Garten, Tische unter freiem Himmel, Kerzenschein, Rotwein, regionale Spezialitäten der Extra-Klasse und: Mariachis! Während ich mich quer durch die Speisekarte des Restaurants probiere, betreten acht Herren in schwarzer, mexikanischer Tracht den Garten, ein Auftritt der Band „Mariachi Mexicanisimo de Guanajuato“. Die Männer werfen sich leicht theatralisch in Pose und dann geht’s los: drei Gitarren, drei Geigen, zwei Trompeten, sechs prächtige Schnäuzer, null Sombreros und acht energische Männerstimmen feuern mir laut und leidenschaftlich entgegen – ein unglaubliches Erlebnis.

„Mariachi“, so wird die typische mexikanische Volksmusik genannt, die je nach Bundesstaat unterschiedliche Facetten hat. Doch eines ist immer gleich: Mariachis sind einfach überall. Verlobungen, Hochzeiten, Beerdigungen – es gibt keinen Anlass, zu dem die leidenschaftlichen Lieder nicht passen würden. „Bei unserer Musik geht es um Rhythmus, Romantik und Emotionen“, erklärt mir Zenon Yebra Yebra, der 35-jährige Anführer der Gruppe, nach seinem Auftritt. Er ist schon seit über 20 Jahren in der Band, gemeinsam mit seinem Vater. „Wir spielen jedes Wochenende in Restaurants, auf Familienfeiern oder Hochzeiten. Und nach alter mexikanischer Tradition auch manchmal unter dem Fenster einer Frau“, erzählt Zenon. „Möchte man um ein Mädchen werben, gilt unsere Musik nämlich als eine große, romantische Geste.“ Wow, denke ich und bekomme wohl sofort einen leicht verklärten, schwärmerischen Gesichtsausdruck, denn Zenon beginnt zu lachen. „Das heißt leider noch lange nicht, dass die große Geste auch gut ankommt. Wir wurden sogar schon mit Wasser begossen, weil die Frau nichts von ihrem Verehrer wissen wollte.“ Tja, hätten sie da mal einen Sombrero getragen, denke ich.

Der wohl größte Gegensatz zum bunten Guanajuato ist Cancún. Die 630.000-Einwohner-Stadt, die jedes Jahr im Frühling Horden amerikanischer Studenten zur großen Spring Break-Sause anlockt –liegt an der Küste der Halbinsel Yucatán im Osten Mexikos. Die Stadt klingt allerdings beeindruckender, als sie wirklich ist. In der 20 Kilometer langen Zona Hotelera reiht sich Hotel an Hotel, am Strand brutzeln Touristen dicht an dicht in der Sonne. Wer Lust auf Party, Palmen und Bier hat, ist hier richtig, wer das Paradies sucht, macht sich besser auf nach Tulum, einer Kleinstadt, in der Bettenburgen, Besoffene und überfüllte Sandstrände kein Thema mehr sind.

Der Strand von Tulum ist nämlich tatsächlich paradiesisch – Karibik-Feeling wie es im Buche steht. Der Sand weiß und fein, das Meer türkisblau, im Wasser schaukeln Boote sanft hin und her. Der ideale Ort, um für ein paar Tage alles hinter sich zu lassen und bei einem Tequila-Cocktail in einer der unzähligen Hängematten zu relaxen. Augen zu und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen – mit diesem mexikanischen Klischee kann ich mich bestens anfreunden. Vor allem jetzt, wo ich ich Tequila neu für mich entdeckt habe.

Neben seinen Traumstränden ist Tulum aber auch berühmt für seine Kultur, denn es ist die einzige Maya-Stadt, die am Meer gebaut wurde. Wie überall in der Umgebung kann man hier auf den Spuren der Maya durch uralte Ruinen wandeln, eine spannende Erfahrung. Wer jedoch eine ganz besondere Maya-Stätte sehen möchte, macht sich auf ins Landesinnere nach Chichén Itzá. Die Tempelanlage, die 2007 zum offiziellen Weltwunder erklärt wurde, war zu ihren Glanzzeiten zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert politisches, wirtschaftliches und religiöses Zentrum der Halbinsel. Um zu den gut erhaltenen Pyramiden zu gelangen, geht es durch einen Wald exotischer Gewächse – mexikanischer Dschungel vom Feinsten.

In der Mitte der Anlage erhebt sich die Pyramide des Kukulcán 30 Meter hoch in den Himmel, täglich bestaunt von tausenden Touristen aus aller Welt, die vor der Sehenswürdigkeit „lustige“ Selfies für Facebook und Instagram machen. Geschichte meets Neuzeit. Wer die Magie der alten Gemäuer in traditioneller Atmosphäre genießen und nicht auf den Fotos fremder Leute landen möchte, sollte also besser früh aufstehen, denn nur so entkommt man dem Trubel zwischen Pyramiden, Tempeln und den zahlreichen Krimskrams-Ständen, die versuchen, Kleider, Masken, Figuren und Mini-Pyramiden – also das 1 x 1 der mexikanischen Klischees – unter die Leute zu bringen.

Und hier begegnet es mir auch endlich, das von mir heiß ersehnte Klischee der Klischees, und zwar in allen Farben des Regenbogens: mein erster mexikanischer Sombrero. Leider nicht auf dem Haupt eines feurigen Mexikaners, aber immerhin: als Kühlschrankmagnet. Zack, gekauft!

Tipps für die Unterkunft
In Guanajuato gibt es zahlreiche Hotels in jeder Preisklasse. Zu empfehlen ist das Hotel Boutique 1850, das mitten in der Stadt an einem kleinen Platz mit vielen Bars und Restaurants liegt. Karibik-Feeling kommt im Grand Sirenis Riviera Maya Resort auf, das sich etwa 30 Kilometer vor Tulum befindet und mit einem großzügigen Privatstrand, hervorragendem Essen und einer wunderschönen Anlage bezaubert. Wer ein paar Tage in Chichén Itzá verbringen möchte und auch noch das kleine Städtchen Piste erkunden möchte, wird sich in den gemütlichen Bungalows der Hacienda Chichen wohlfühlen.

Mehr Infos: 
www.visitmexico.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.