Die Gräber Andalusiens

Im Süden Andalusiens, etwa 50 Kilometer östlich von Málaga, liegt das malerische weiße Dorf
Sayalonga, mitten im 41.000 Hektar großen Nationalpark Sierras de Tejeda Almijara y Alhama. Die
verborgene Ortschaft ist umgeben von anmutigen Gebirgszügen, durch die sich die A-7206 durch
etliche Kurven, vorbei an tiefen Schluchten bis nach Sayalonga zieht. Mit seinen weißen Häusern
und seinen engen Gassen strahlt das kleine Örtchen Besuchern schon von Weitem entgegen. Zu
Füßen des Dorfes liegt einer der geheimnisvollsten Orte Spaniens, der Cementerio Redondo, der
vermutlich einzige runde Friedhof des Landes.

 

Einzigartig und geheimnisvoll – das Oktagon von Sayalonga
Die weiß getünchte Grabstätte wurde im 19. Jahrhundert errichtet, doch bis heute wisse man kaum
etwas über die architektonischen Beweggründe, die zu seiner besonderen Form geführt haben,
erzählt Ortshistoriker Valentín Fernández Camacho beim Rundgang über den ungewöhnlichen
Friedhof. Auch über die Erbauer und dessen Motive gebe es keine genauen Aufzeichnungen mehr,
denn das Dorfarchiv Sayalongas sei 1936 vollständig ausgebrannt. Man vermute jedoch, dass es
einen Zusammenhang zum Kirchturm der Iglesia de Santa Catalina gibt, der sich in der Mitte des
Dorfes am Plaza de la Constitution befindet. „Der Kirchturm ist achteckig“, so Fernández Camacho.
Eine Form, die man bei genauem Hinsehen auch bei den Grundmauern des „runden“ Friedhofes
entdecken könne. Möglicherweise habe man den Friedhof damals in Anlehnung an das Gotteshaus
erbaut. Viele Forscher glauben jedoch, dass sich die Bauherren einfach der unebenen Umgebung
angepasst haben und die Form des Oktagons somit purer Zufall sei. Der Ortshistoriker selbst glaubt
allerdings an keine dieser Theorien. „Ich vermute, dass der Baumeister sehr vertraut in der
Verwendung geometrischer Formen war. Das Achteck und diverse Symbole auf den Grabstätten
lassen nämlich genau darauf schließen“, erzählt Fernández Camacho und zeigt auf ein in den
weißen Stein gemeißeltes Zeichen, eines der berühmten Freimaurer-Symbole. Als Gründungsjahr
der ersten Freimaurerlogen wird heute das Jahr 1717 genannt. Die Ursprünge des Geheimbundes,
dessen Grundwerte Toleranz, Brüderlichkeit und Menschlichkeit sind, liegen in England. Die ersten
Freimaurer waren Steinmetze, weshalb Maurerkelle, Winkelmaß und Zirkel bis heute zu den
bekanntesten Symbolen der Organisation gehören. Im Laufe der Jahrzehnte breiteten sich die
Freimaurer in ganz Europa aus – und siedelten sich laut mündlich überlieferten Geschichten auch in
Sayalonga an. „Auf dem Cementerio Redondo gibt es acht Gräber, von denen wir glauben, dass dort
Mitglieder einer Freimaurerloge begraben liegen. Die Gräber stammen alle aus der gleichen Zeit,
Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, also in einer Periode, in der allen Anzeichen nach
Freimaurer in Sayalonga existierten“, so der Historiker.

Zu den Symbolen gehören unter anderem das Oktagon selbst, das in der Freimaurer-Symbologie für Gleichgewicht steht, aber auch das Dreieck, das für Weisheit, Perfektion, Harmonie, Licht und Energie steht und das Sonnen-Symbol, das für Wärme und Integrität steht. „Aufgrund dieser Zeichen können wir davon ausgehen, dass der Cementerio Redondo tatsächlich freimaurerischen Ursprungs ist.“ Ein mehr als spannender Ort. Doch nicht nur die freimaurerische Symbolik ist mehr als interessant, sondern auch die Grabnischen selbst, die sich am Friedhosfsrand wie übereinander gestapelte Honigwaben aneinanderreihen. „Die Toten wurden damals mit dem Kopf nach hinten und den Füßen nach vorne gebettet, damit sie am Tag des jüngsten Gerichts nur noch einen Schritt aus dem Grab heraus machen müssen“, erklärt Fernández Camacho weiter. Wer genau in den einzelnen Nischen begraben liegt, ist jedoch nicht immer ersichtlich, denn vielen Nischen fehlen die Gedenktafeln.

Einige Stätten sind jedoch auch heute noch sehr gut erhalten. Vor allem die jüngsten Gräber, die erst seit den 50ern belegt und in der Mitte des Friedhofs übereinander angelegt wurden, sind noch in hervorragendem Zustand und reich verziert mit Fotografien der Verstorbenen und leicht kitschigen Plastikblumen – ein spannender Kontrast zu den alten Grabnischen.

Ein verwunschener Ort im Herzen Málagas
Einen weiteren geschichtsträchtigen Friedhof findet man in Málaga selbst. Der Cementerio Inglés,
der Englische Friedhof, liegt im Herzen der Stadt und gleicht mit seinen alten Grabstätten, Mauern
und Bäumen einem nahezu romantisch verwunschenem Ort. Der Friedhof, der auch Cementerio de
San Jorge genannt wird, ist mit seiner Gründung im Jahr 1831 einer der ersten protestantischen
Friedhöfe des Landes. Bis zu diesem Jahr durften Nicht-Katholiken in Spanien nicht „richtig“
beerdigt werden. Vielmehr wurden sie nachts am Strand in aufrechtem Sitz beigesetzt, wo ihre
Leichen den Launen der Wellen und der herumstreunenden Hunde überlassen wurden, eine
makabere Prozedur. Dass dieser nächtlichen Tradition schließlich doch noch ein Ende gesetzt
wurde, haben die britischen Kaufleute William Mark zu verdanken, der 1824 britischer Konsul in
Málaga wurde, und beschloss, einen Ort zu finden, an dem Protestanten angemessen beerdigt
werden können. Dieser wurde ihm 1829 auf einem Grundstück außerhalb der Stadt gewährt, auf
dem jedoch erst zwei Jahre später, 1831, die ersten Menschen bestattet werden konnten. Mit seiner
üppigen, exotischen Bepflanzung erinnert der Friedhof, der nur 100 Meter Luftlinie vom heutigen
Stadtstrand entfernt ist, schon beim Hineinkommen an einen botanischen Garten. Auch Málagas
Katzen scheinen diesen sehr zu schätzen zu wissen, denn immer wieder entdeckt man eine von
ihnen durchs Grün stromern, Wege kreuzen oder im warmen Licht der spanischen Sonne schlafen.

Nach der ersten Kurve führt der Weg Besucher direkt auf das William-Mark-Denkmal und die
Iglesia de Saint George zu, die noch heute in Benutzung ist. Von hier aus erstreckt sich der Friedhof
über rund 8.000 Quadratmeter terrassenförmig nach oben. Über verwinkelte Ecken und Treppchen
kann man von hier aus über 1.000 alte Gräber entdecken, die Züge des Klassizismus, der Neugotik
sowie des Jugendstils zeigen. Auf der ersten, ursprünglichen Ebene finden sich die ältesten Gräber,
die mit Muscheln bedeckt und größtenteils anonym sind. Im selben Bereich des Friedhofs wurden
aber auch die Überreste des britischen Schriftstellers Gerald Brennan niedergelegt, der hier
allerdings erst deutlich später, 1987, beigesetzt wurde. Auf der zweiten Terrasse befindet sich ein
ganz besonderes Grabdenkmal, das zu Ehren der deutschen Seeleute der SMS Gneisenau errichtet
wurde. Das Segelschulschiff ankerte 1900 vor der Küste Málagas und sank dort im Dezember des
Jahres während eines heftigen Unwetters. 40 Männer starben in dem Sturm, genau wie zwölf
Bürger Málagas, die versuchten, die Seeleute vor dem Ertrinken zu retten.

Auf einer Gedenktafel sind bis heute alle Namen der Verstorbenen verzeichnet, außerdem erinnern einige Denkmäler an die Besatzung und Kapitän Kretschmann, der ebenfalls im Unwetter sein Leben ließ. Neben
zahlreichen anderen Deutschen haben auf dem Englischen Friedhof auch andere bemerkenswerte
Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe gefunden, auf die die Bürger Málagas mehr als stolz sind. Dazu
gehören unter anderem der spanische Dichter Jorge Guillén und der finnische Autor Aarne
Haapakoski. Wegen seiner herausragenden literarischen und historischen Bedeutung wurde der
Englische Friedhof 2012 darum nachvollziehbarerweise zum Kulturgut erklärt und in die
Vereinigung bedeutender Friedhöfe Europas (ASCE, Association of Significant Cemeteries in
Europe) aufgenommen. In Deutschland gehören dazu auch der Ohldorfer Friedhof in Hamburg und
der Alte Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin. Genau wie der Cementerio Redondo in Sayalonga wird
auch der Cementerio Inglés heute nicht mehr als Grabstätte genutzt.

Grab an Grab in der Stadt der Toten
Der Friedhof von Casabermeja, der Cementerio Monumental de San Sebastián, der etwa 20
Kilometer nördlich von Málaga liegt, wird hingegen noch immer als Grabstätte benutzt. Rund 1.000
Gräber befinden sich hier, eingebettet vor der malerischen Bergkulisse der Montes de Málaga,
dessen Ausläufer sich in der Ferne vor blauem Himmel in Szene setzen. Der Friedhof befindet sich
am Rande des beschaulichen 3500-Seelen-Örtchens Casabermeja, in dem man herrlich spazieren
gehen und die Dorfältesten beim Klönschnack vor ihren Häusern beobachten kann.

Über die CallePicasso – der übrigens 1881 in Málaga geboren wurde – erreicht man den Friedhof schon nach einem kurzen Fußmarsch vom Kern des Ortes aus. Hinter dem eisernen Tor eröffnet sich eine
kleine, von Bäumen und Palmen gesäumte Allee, die zum Hauptteil des Friedhofes führt. Hier
erheben sich die strahlend weißen Ruhestätten, die wie eine typische, weiße, andalusische Stadt
angelegt wurden, verbunden über enge Gassen, schmale Treppen und kleine Plätze. Una ciudad de
los muertos – eine Stadt der Toten. Ähnlich wie in Sayalonga werden und wurden die Toten auch
hier überirdisch beigesetzt, horizontal, mit mehreren Familienmitgliedern pro Grabstätte. Sterben
zwei Personen in kurzem Abstand hintereinander, zum Beispiel bei einem Ehepaar, wird der zweite
Verstorbene im hinteren Teil des Friedhofes „zwischengelagert“, bis je fünf Jahre vergangen sind
und der Prozess der Mumifizierung ausreichend fortgeschritten ist – eine alte spanische Tradition.
Große Trauerzeremonien gebe es auf diesem Friedhof allerdings nicht, verrät Casabermejas
Bürgermeister Antonio Domínguez Durán. Dafür sei in den engen Gassen einfach zu wenig Platz.
Die 24-stündige Totenruhe werde darum in der Regel im Zuhause des Verstorbenen abgehalten.
Um seine Einzigartigkeit zu würdigen, wurde der Cementerio de San Sebastián aufgrund seiner
wunderschönen Architekur aus Pantheon-Begräbnisstätten und Grabhügeln zum Monumento
National (1980) und zum spanischen Kulturerbe (2006) erklärt. Somit sollte auch er bei einem
Besuch von Andalusiens malerischem Süden definitiv auf jeder Reiseroute liegen.

Mehr Infos:
Cementerio Redondo, Sayalonga: Das malerische Dörfchen Sayalonga und den immer geöffneten
Friedhof erreichen Sie innerhalb von einer Stunde mit dem Auto von Málaga aus über die Autobahn
A7. An der Ausfahrt Algarrobo biegen Sie nach Sayalonga ab. Tipp: Hier unbedingt auch
die für Sayalonga berühmten Mispel-Früchte probieren, die dort traditionell zu leckerem Kuchen,
Gelee und Likör verarbeitet werden.

Cementerio Inglés, Málaga: Spaniens ältesten protestantischen Friedhof finden Sie in der Avenida
de Príes im Stadtteil Limonar. Er ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Tipp:
Abends am Strand im Restaurant Pedro Gutiérrez frischen Fisch vom Grill essen oder im
legendären Restaurant El Pimpi Tapas, Flamenco und Málagas romantische Altstadt genießen.

Cementerio de San Sebastian, Casabermeja: Der Friedhof liegt 20 Kilometer nördlich von Málaga,
direkt an der A45. Er ist täglich von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Tipp: Nach einem Besuch des
Friedhofes lohnt sich auch noch ein kleiner Ausflug zu den 20 Kilometer entfernten Dolmen de
Menga, unweit des Städtchens Antequera. Das fast 6.000 Jahre alte Galeriegrab gehört zu den
bedeutendsten Megalithbauten Europas. Übernachten in Antequera: KLICK

Unterkunft in Málaga:
Mit Blick auf den Hafen übernachten Sie im Hotel Málaga-Centro, ca. 135 €/DZ, inkl. Frühstück,
buchbar hier: KLICK

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