Selfie-Metropole Rio de Janeiro

75! Eigentlich ist es nur eine simple Zahl, aber dennoch wohnen ihr so viele Träume, Erwartungen und Sehnsüchte inne, die sich seit geraumer Zeit in den letzten Ecken meines Kopfes angesammelt haben. Fünfundsiebzig Tage, die einem die lang ersehnte Flucht aus dem aktuellen Lebenswirrwarr versprechen. Raus aus dem Job, raus aus den eigenen vier Wänden, raus aus dem Gewohnten und vor allem:  Raus und weg von all den lieben Menschen um einen herum. Endlich ein Leben ohne Muster, eines ohne dass jemand (bzw. Facebook, Instagram oder Snapchat) darüber urteilt, ob das, was du tust, gerade erstrebenswert ist. Und ohne zu wissen, was nach dem nächsten Augenaufschlag passiert und dabei die eigene Welt immer wieder ausmalen und bunter machen. All das soll Südamerika sein – zumindest für mich. Start dieser Reise ist Rio de Janeiro. Alles was danach kommt, spucken Herz und Verstand aus. Fünfundsiebzig Tage Freiheit eben.

Rio de Janeiro – Selfie Metropole

Es gibt wirklich keinen Ort auf der Welt, zumindest keinen, an dem ich bisher war, wo Menschen so vernarrt in die eigene Selbstdarstellung sind. Vom ersten Moment an, als meine Füße brasilianischen Boden berühren, bin ich umgeben von auf sich selbst gerichteten Smartphones, Selfie-Sticks und dem unerschütterlichen Drang der Brasilianer, das perfekte Foto zu schießen – von sich selbst, versteht sich. Aber man darf nicht dem gesunden Menschenverstand trauen und meinen, dass EIN Bild ausreicht. Nein. Zehn bis zwanzig Selfie-Posen müssen es schon sein, schließlich kann man sich Zentimeter um Zentimeter um die eigene Achse drehen. Das nur mal vorweg.

An einem Sonntag in Rio anzukommen ist nicht mehr oder weniger schlimm als ein Besuch auf dem Rummel. Gesperrte Straßen, volle Strände, panierte Mehlspeisen in allen erdenklichen, vor Öl triefenden Variationen an jeder Straßenecke, die bereits erwähnten Selfie-Wahnsinnigen und knallharte Ellbogengefechte an den Skol-Bierständen komplettieren das Schaubild.

Da Rio der erste Stopp ist und ein wirklich langer Flug hinter uns liegt (ich reise mit meinem Freund Tobi), entscheiden wir uns, bevor wir dem Komfort endgültig den Rücken kehren (müssen), für ein Airbnb Zimmer. Mitten im Stadtteil Ipanema. Sehr vornehme Gegend. Zu vornehm, wenn es nach mir geht. Aufgeräumte Straßen, überteuerte Supermärkte,  schicke Klamotten-Läden und Restaurantpreise, die höher sind als zu Hause, vermitteln mir eher das Gefühl, im spanischen Pauschalurlaub zu sein, als in einem Schwellenland. Was fehlt: der Puls und das Herz von Rio.

Überragend und so herzerwärmend wie nur irgendwie vorstellbar sind hingegen Vito und Alex.  Ein brasilianisches Pärchen, bei dem wir die kommenden Tage verbringen. Man muss sich kurz an die vielen Küsse und Streicheleinheiten (nach dem Aufstehen zur Begrüßung, vorm Schlafengehen und manchmal einfach so) der Gastgeber gewöhnen, aber dann hat man sie auch schon längst ins Herz geschlossen. Ich glaube, dass die Stadt Rio, wenn man sie mit und durch die Augen von Einheimischen sieht, ein andere ist. Die Beiden machen wirklich alles möglich: Ganz egal, ob ich unbekanntes Gemüse vom Markt anschleppe – sie zeigen mir, wie man es hierzulande zubereitet. Oder ob wir abends losziehen, um die günstigsten und besten Eckkneipen zu erkunden, die meist nicht mal einen Namen haben – Alex und Vito sind an unserer Seite und wissen, wo, wie und vor allem womit man sich den Bauch vollschlägt. Dadurch verschwimmt das erste Bild von Rio. Stattdessen kommt eines zum Vorschein, das vor Charakter, Vielfalt und Lebendigkeit nur so strotzt. Genau das, wonach wir gesucht haben. Daher war es die absolut beste Entscheidung bei Menschen unterzukommen, die in der Stadt leben. So konnten wir mitleben.

Alex & Vito könnt ihr hier kennenlernen: KLICK zu Airbnb.com

Um trotzdem noch mehr vom Puls Rios kennenzulernen, haben wir eine letzte Nacht in einem Hostel in Lapa genächtigt. In dem hügeligen Stadtteil weht ein deutlich rauerer Wind. Aber hier tobt nachts das Leben, die Straßen quellen über vor Bars, Live-Musik und tanzenden Menschen. Einnehmend lebendig. Und absolut einen Abstecher wert.

Neben den klassischen Touristen-Trampelpfaden wie Christus-Statue, Zuckerhut und Co., die natürlich beeindruckend und herrschaftlich daherkommen, aber enorm überlaufen sind, hat sich der Stadtteil Santa Teresa in mein Herz geschlichen. Nicht zuletzt wegen der Piano-Dame in einer wie verzauberten kleinen Bar an der Ecke. Ergänzt mit einem Kaltgetränk einfach einer der Momente, an denen einem der Kopf sagt: ,,Alles richtig gemacht.“

Die Piano-Dame findet ihr im Armazém Cultural São Joaquim

Eine große Sehnsucht und deshalb für mich auch einer der bewegendsten Augenblicke ist das Hang Gliding, gebucht im Vorfeld über Just Fly Rio (Kosten rund 150 Euro pro Person). Einfach fliegen und das auch noch im vogelähnlichen Zustand – einmalig. Zwar ist die Überwindung von der Plattform herunterzulaufen enorm, aber alles was danach folgt, lässt einen die eine Minute, in der man einfach den Boden unter den Füßen verliert, vergessen. Favelas, Strände, Wälder und das gesamte Stadtbild aus dieser Perspektive zu sehen, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Glück und unendliche Dankbarkeit – zwei Emotionen, die ganz plötzlich einfach da waren.

Danke, Rio.

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Ein Kommentar zu „Selfie-Metropole Rio de Janeiro“

  1. Uns hat Rio de Janeiro auch total fasziniert. Wir empfehlen euch auch die Escadaria Selaron Fließentreppe zu besuchen. Ist zwar auch sehr überlaufen aber es lohnt sich.

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